Meine Heimat Ukraine (2013/14) – Teil 1

Liebe Freunde,

Ich bin 1978 in der Ukraine geboren, aufgewachsen und im Alter von 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Aufgewachsen bin ich in einer Gegend, die sich Westukraine nennt, die Stadt lautet Chmelnyzkyj. Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, wo es NOCH kein eigenständiges Land Ukraine gab, das Land gehörte als Teil der Sowjetrepublik zu den wichtigsten in der Sowjetunion.

Ich bin ein Dinosaurier. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der jeder Nachbar jeden namentlich kannte und half, in der es große Schilder in den Bussen gab, wo ein Kind draufgemalt war, der einer Behinderten den Platz freimacht (und die Kinder hielten sich daran), in der man respektvoll miteinander umging, und es eine sehr gute Ausbildung gab. Vor allem aber – man sprach Russisch – und keiner drehte sich um, um mal eben den Sprechenden zu verprügeln und explizit zu „erwähnen“, man möge doch bitte Ukrainisch reden.

Es war eine Zeit von „Modern Talking“ an jeder Ecke, von den Schlangen von Menschen in Lebensmittelgeschäften, von weniger Autos, vom Teamgeist im Sport und anderen Dingen. Kurzum…. es war die bessere Welt.

Sicher ist aber, dass auch zu meiner Zeit Probleme gab. Die Lebensmittelknappheit, das auf „Schmiergeld“ basierende Gesundheitssystem (kostenlos war nur die Grundversorgung, die Qualität dieser konnte niemand sicherstellen) etc. Dabei ist nicht nur das Gesundheitssystem so gewesen, sondern vieles andere auch.

An meine Zeit erinnere ich mich, wenn ich die Bilder aus der Ukraine dieser Tage sehe. Was ist bloß aus meinem Land geworden? Die Antwort darauf ist schwierig, dennoch versuche ich eine zu finden.

Zunächst einmal wurde die Ukraine 1991/92 ein unabhängiges Land. Das Land ist ethnisch aufgeteilt – der Westen der Ukraine, wo viele „alteingesessene“ Ukrainer leben, ist mehr nationalistisch geprägt, in der Nazi-Zeit 1941 – 45 waren es die Überläufer aus Westukraine, die Hitler halfen. Selbst meine Heimatstadt wurde nach einem Menschen genannt, der Juden und Polen tötete (Bohdan Chmelnyzkyj). Und dann der Osten der Ukraine, wo sich ausschließlich Leute im Bergbau beschäftigen, sowie viele viele Russen leben.

Da der Westen der Ukraine nationalistisch geprägt ist, ist es heutzutage keine Seltenheit wegen Benutzung der russischen Sprache schief angesehen oder gar verprügelt zu werden. Selbst jüdischer Abstammung zu sein reicht dafür schon aus.

Ukrainische Sprache ähnelt sehr dem Polnischem, schließlich haben sie gemeinsame Wurzeln. Doch man sollte nicht außer acht lassen, dass es viele Russen dort gibt, die Kontakte nach Russland haben, sowie Russisch sprechen. Diesen Teil der Bevölkerung als „Minderheit“ abzustempeln ist ein Fehler.

In meiner Heimatstadt gab es zu Sowjetzeit mehrere Fabriken, darunter welche für Metall- sowie Plastikproduktion. Als 1992 das Land unabhängig wurde, wurde Anfangs die Produktion der Waren zurückgefahren, später die Fabriken komplett stillgelegt, da die Waren für Russland bestimmt waren und alle Kontakte zu Russland (auch die wirtschaftlichen) abbrachen. Tausende Menschen waren auf einmal auf der Straße. Heute ist außerhalb der Stadt ein riesengroßer Marktplatz, der Chmelnyzkyj Markt. Diese Menschen verkaufen dort tagtäglich ihre Waren.

Ist es sinnvoll sich Russland zu verschließen? Nein, keineswegs. Die Wirtschaft ist stark auf Russland ausgerichtet und hat mit diesem Land langfristige Verträge. Die Atomreaktoren wurden vom Konzept, sowie Grundlagen noch zu Sowjetzeit gebaut, mit russischen Ingenieuren, Materialien und Brennstäben. Ein Brennstab aus Deutschland oder USA wird in einem Sowjetreaktor nicht gut funktionieren, das Land ist aber auf Atomkraft angewiesen.

Was jetzt in Kiew passiert, ist also äußerst fragwürdig und auf lange Sicht politisch falsch. Bereits jetzt ist das Land wirtschaftlich ruiniert, da es kein gutes Verhältnis zu Russland hat, und kaum Bestellungen aus diesem Land entgegennehmen kann. Das alleine auf den Westen der Ukraine bezogen, wo die Fabriken stillgelegt sind. Möchte man die restliche Wirtschaft in der Ostukraine genauso stilllegen, wie in der Westukraine? Wohl nicht wirklich, wenn man dort lebt.

Jetzt, wo ich seit vielen Jahren in Deutschland lebe und die Diskussion in den Medien verfolge, sehe ich auch, dass die Medien ein einseitiges Bild von der Ukraine darstellen. Die Rede ist von irgendwelchem Janukowitsch-Regime, von tausenden Menschen auf dem Maidan, von Protesten für und wider von Janukowitsch etc.

Das ganze ist viel komplexer als auf dem ersten Blick. Es gibt keine einfachen Lösungen, die Verantwortlichen Politiker wissen das.

Ich begreife die Politik (Innen, Außen, und Geopolitik) als etwas was 2 Ziele hat.

1. Entscheidungen zu treffen (dabei mitunter ohne Rücksicht auf Verluste und um jeden Preis)

2. Diese Entscheidungen zu rechtfertigen (dabei teilweise gar die Menschen für dumm zu verkaufen, indem man sich populistischen Äußerungen bedient und Medienbeeinflussung betreibt)

Was möchten die einzelnen Staaten also, wenn sie von der Ukraine reden und in der Ukraine sind? Dabei spielen geopolitische Ziele eine große Rolle.

Achtung, das nachfolgende stellt meine persönliche Meinung dar, jedoch ist diese mit großer Wahrscheinlichkeit richtig. Man sollte mir nicht vorwerfen eine „Insider-Meinung“ zu haben.

EU:  Die Ukraine ist ein Land mit vielen Rohstoffen, so möchte die EU die Ukraine als großen Absatzmarkt benutzen. Bereits jetzt gibt es in der Ukraine zwar alles, was das Herz begehrt (sogar Waschmaschinenpulver aus Deutschland z.B), aber kaum jmd. kann sich es leisten. Sollte die EU dort ihre Waren verkaufen, wird die ukrainische Wirtschaft aufgrund des noch schlechteren Verhältnisses zu Russland zusammenbrechen. Und dann kann man zwar dort EU-Waren verkaufen, aber nicht mehr kaufen (es sei denn man ist sehr reich)…

USA: Die Amerikaner wollen nichts anderes, als die Ukraine für sich zu beanspruchen. Und das meine ich ernst. Man möchte dort einen „Marionette-Präsidenten“ installieren, der es ermöglicht dort einen US-Stützpunkt bzw. NATO-Stützpunkt zu bauen. Auch die russische Schwarzmeerflotte ist den Amerikanern ein Gedankenspiel wert. Zusätzlich sind die Rohstoffe nicht zu unterschätzen. Dabei kann ruhig die EU als lächerlich dargestellt werden, das stört sonst ja keinen.

Russland: Die Russen haben zwar die Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel Krim, aber sie wollen bestehende Weltordnung beibehalten. Sie wollen weder NATO-Stützpunkte noch amerikanische im Süden. Das ist verständlich. Auch möchte Russland nicht eingreifen, es sei denn sie wird dazu gezwungen.

Seit 1992 die Ukraine unabhängig wurde, ist kein einziger Präsident dort an der Macht gewesen, der Format und Charisma hatte. In der Tat ist es wie überall – es werden die Taschen zuerst voll gestopft.  Keine einzige politische Führung hielt die notwendige 4 Jahre, die vorgesehen sind durch.

Wiktor Janukowitsch, derzeit immer noch der Präsident der Ukraine, hat es leider nicht geschafft, die wirtschaftliche und soziale Situation in der Ukraine zu verbessern. Auch hätte er den Leuten erklären sollen, warum Ukraine nicht in der EU sein kann – weil dies wirtschaftliches Ende der Ukraine wäre.

Was ist passiert? Seit Monaten sehe ich Bilder von Leuten auf dem „Platz der Unabhängigkeit“, so der offizielle Name, in Kiew. Angefangen hat alles mit „Protesten“ – als etwa 10 – 20 tausend vermummte Randalierer gegen die Polizei der Spezialeinheit „Berkut“ vorgingen, mit Steinen, Baseballschlägern etc.

Später gesellten sich zu denen mehr oder weniger normale Leute, die Anzahl wuchs auf etwa 100.000, die teilweise sehr gemischter Natur waren – die Leute hatten die Schnauze von Janukowitsch voll. Jeden Tag wurden seit Monaten Reden von Priestern, und „Oppositionsführung“ abgehalten, vorwiegend nationalistischer Natur, so etwas nennt sich in Deutschland etwa „Volksverhetzung“ und ist strafbar. Zusätzlich – jeden Tag – kamen mehrere Busse aus der Westukraine, aus allen Städten, mit neuen Menschen. Diese galt es zu mobilisieren, und gegen Russland, gegen den geltenden Präsidenten, gegen vieles andere aufhetzen.
Man sucht ja nicht die Schuld bei sich selbst, immer sind es die anderen, die Schuld an etwas haben.

Seit einiger Zeit fragt man sich, ob die „Berkut“ irgendwen erschossen haben, da auf dem Maidan viele Tote zu beklagen sind. Nein, haben sie nicht. Man half nach, indem mehrere Schützen postiert wurden, die sowohl „Berkut“ als auch die andere Partei erschossen. Es gibt dafür Beweise, die nie veröffentlicht wurden.

Die „Oppositionsführung“ war schließlich irgendwann mit 3 Außenministern (Deutschland, Frankreich, Polen) zusammengekommen, um mit Janukowitsch zu verhandeln. Herausgekommen ist ein Dokument, der die Macht eigentlich an andere Kräfte übergeben sollte. Allerdings, da später der bewaffnete Aufstand stattfand, ist das Dokument nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Somit ist es nur ein Dokument für die Mülltonne.

Janukowitsch – immer noch Präsident der Ukraine – muss aus eigenem Land fliehen, da seine, und die Sicherheit seiner Familie in Gefahr gewesen sind. Mittlerweile ist er in Russland, von wo aus er den 3 besagten Außenministern Anstandslosigkeit vorwirft. Anstand in der Politik? Noch nie was davon gehört. Der Mann muss echt naiv sein.

Und was macht die „Oppositionsführung“? Löst als erstes die Spezialeinheit „Berkut“ auf, die aufgelöste „Berkut“ kommt auf die Halbinsel Krim. In mehreren Städten werden per absichtlicher Brandstiftung Synagogen angezündet. Denkmäler des 2-ten Weltkrieges werden kaputtgemacht. Die Rechte der russischsprachigen Menschen in der Ukraine werden beschnitten, so darf man nicht mehr Russisch sprechen, in Schulen nur noch Ukrainisch.

Und was ist mit der Krim? Krim ist eine Halbinsel in der Ukraine, bekannt durch „Krimsekt“ weltweit. Historisch gehörte sie zu Russland, mehr als 60 Prozent der russischsprachigen Bevölkerung leben da. Zwar wurde die Halbinsel an die Ukraine 1954 von Nikita Chruschtschow (damals sowjet. Führer) verschenkt, doch da dort die russische Flotte sich befindet (für die Russland übrigens viel Geld an die Ukraine zahlt) ist die Halbinsel eine beinahe Autonomie.

Die ganze Welt schaut jetzt also nach Krim. Wieso? Die offiziell aufgelöste „Berkut“ bezog dort mehrere Stellungen vor wichtigen Gebäuden der Infrastruktur (Flughäfen, Bahnhöfe), um die öffentliche Ordnung dort zu sichern. Die Krim akzeptiert die „Oppositionsführung“ nicht und will den Status der Autonomie nicht aufgeben. Schon gar nicht an die Nationalisten. Für den Fall einer Gefahr wurde vertraglich geregelt, dass die russischen Truppen, die sich ohnehin dort befinden, für Ordnung sorgen sollen.

Russlands Präsident Putin sicherte sich zwar eine Einmischung in die Lage ein, es befinden sich in der Ukraine aber keine russischen Truppen, nur dijenigen, die ohnehin in der Ukraine auf der Krim stationiert sind.

Quo Vadis, Ukraine… Ausgang offen…

Update: Sind meine Landsleute nur noch bescheuert? Ist das die Strahlung durch Tschernobyl? Sind das die Sonneneruptionen?

Der gewählte Präsident muss sich in einem anderen Land verstecken, die (vom Westen gewollte und anerkannte) „neue“ nationalistische Regierung hetzt gegen Russland (als ob Russland sich eingemischt habe, dabei sind russische Truppen gar nicht in der Ukraine), der „neue Präsident“ der Ukraine Turtschinow, möchte gerne gar gegen Russland in den Krieg ziehen, und Kerry (US-Außenminister) droht Russland mit Ausschluss des Landes aus dem G-8 Verbund. Interessanterweise wirft die Merkel Putin Verstoß gegen Völkerrecht vor.

Nachtrag: Ist das Demokratie? Ist das meine Heimat? Ich weigere mich dieses Land als Heimat zu bezeichnen. Meine Heimat ist seit 22 Jahren nicht mehr da. Und Demokratie sieht auch anders aus.

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3 Kommentare zu “Meine Heimat Ukraine (2013/14) – Teil 1

  1. Alexei sagt:

    Mittlerweile hat Putin eine Pressekonferenz abgehalten. Wie immer ist es für viele einfacher herablassend darüber zu schwafeln, als darüber nachzudenken was er gesagt hat. Und er hat vieles richtig gesagt.

    Es gibt in der Ukraine die „Partei der Regionen“, zu denen auch Janukowitsch gehört. Neben Timoschenkos „Batkivshchyna“, also „Vaterland“. Das ist vergleichbar mit „CDU“ und „SPD“ in Deutschland, oder „Demokraten“ und „Republikanern“ in USA. Dann noch die „Swoboda“, also „Freiheit“ (Freunde unserer „NPD“) von Tjahnybok, „UDAR“, also „Schlag“ von Klitschko etc.

    Während die Anhänger der „Partei der Regionen“ umgebracht werden, teilweise auf brutalste Weise (etwa mit Molotowcocktail anzünden, das bei lebendigem Leibe) schwafelt der Westen über Putins Aussagen und über Sinn und Unsinn der Strafsanktionen gegen Russland.
    Und wenn Putin den Finger hebt und zeigt – es werden ja Menschen umgebracht, ist das „neue Demokratie“ – keinen interessiert es.

    Die Amerikaner wollen jetzt also die Ukraine mit Geld „unterstützen“, EU gibt ebenfalls was dazu. Man sollte darüber nachdenken, wen man da an die Macht geputscht hat, und was diese Leute mit dem Geld anstellen.
    Ein Teil – ein Großteil – kommt in die eigenen Taschen.
    Ein Großteil wird für Terrorismus in dem Nachbarland Russland verwendet.
    Und nichts wird dafür verwendet, wofür es vorgesehen ist.

    Ich kommentiere außerdem nicht den Vergleich von Putin mit Hitler, den Hillary Clinton da von sich gab.

  2. Alexei sagt:

    Neben mehreren Parteien, die ich aufgezählt habe gibt es eine die sich „Prawiy Sektor“, also „der Rechte Sektor“ nennt. Diese Leute haben während der Proteste eine besondere Rolle gespielt: es waren sie, die sich mit „Berkut“ prügelten. Es waren auch sie, die die ukrainische „Rada“ (also ukrainisches Parlament) zu den verschiedenen Gesetzen zwangen.

    Deren Anführer Dmitri Jarosch ist ein Nazi der besonderen Art. Er kämpfte bereits gegen Russen in Tschetchenien und möchte gerne zum Präsidenten der Ukraine werden.

    Was dann passiert ist ungewiss: denn als Ziel setzte sich die Partei „Aufbau der Taliban in der Ukraine“ vor. Richtig gelesen, ukrainisches Taliban, in etwa vergleichbar mit Afghanistan. Wahrscheinlich klappt das ja mit US und EU-Geldern. Dass dann Krieg mit Russland kommt, ist selbstverständlich.

    Bereits jetzt haben die Leute des „Rechten Sektors“ Waffen in die Hand bekommen, die niemals zuvor solche Leute besaßen. Waffenarsenale wurden z.T. geplündert, es mehren sich Hinweise, dass dabei Waffen wie mobile Raketenabwehrsysteme entwendet wurden. Diese Waffen werden zum Kauf im russischen Internet angeboten.

    Damit die Menschen sich das vorstellen können: es ist das eine mit einer Kalaschnikow zu hantieren, mit einem mobilen Raketenabwehrsystem des Typs „Igla“, also „die Nadel“ Flugzeuge vom Himmel zu holen ist dann nicht mehr lustig. Und das bei ultrarechten Nazis also, klingt ja super.

  3. Lisa Tymoshenko sagt:

    Mein ukrainischer Ehemann ist der gleichen Meinung: diese Ukraine ist nicht mehr seine Heimat!

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